Mobilitätsforscher: "Modell des eigenen Autos ist nicht mehr aktuell"

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Flo
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Mobilitätsforscher: "Modell des eigenen Autos ist nicht mehr aktuell"

Beitrag von Flo » Mi 14. Aug 2019, 16:26

Der Individualverkehr mit eigenem Auto ist nach den Worten von Mobilitätsforscher Weert Canzler ein Auslaufmodell.

Canzler sagte am Montag im Inforadio vom rbb: "Das Privatauto, wo man im Prinzip eine völlige Souveränität hat, Teil des Alltags, Teil des gelungenen Lebens - das ist ein Modell, das mal in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt." Es sei aber immer weniger aktuell, so der Mobilitätsforscher vom Wissenschaftszentrum Berlin.

Für die Fälle, in denen man ein Auto brauche - etwa zum Transport schwerer Dinge -, könne man sich inzwischen eines leihen. "Wir haben jetzt einen Zugriff, den man jahrelang nicht hatte, nämlich über eine App. Früher musste man anrufen [...], heute kann man ja einfach gucken: Ist das nächste Auto da? [...] Also jetzt zu sagen: Das ist alles viel zu umständlich [...] - dieses Argument geht nicht mehr."

Die anhaltend hohen Zulassungszahlen von Autos hätten damit zu tun, dass die Welt immer noch komplett auf das Automobil ausgerichtet sei, so der Mobilitätsforscher. "Wir kaufen so ein, wir haben nach wie vor ja kein wirkliches Parkplatzproblem, gerade in Berlin", erklärte Canzler. Das habe etwas mit "jahrzehntelanger Vorarbeit" zu tun - "wir sind auch alle so sozialisiert worden, zumindest die meisten von uns."

Um den Ausstieg aus dem Individualverkehr mit eigenem Auto zu schaffen, seien Anreize nötig. "Die Alternativen müssen gut sein", betonte der Forscher. Doch das sei nicht immer einfach. "Wir erleben das in Berlin ja gerade mit den Fahrradwegen, der Fahrradinfrastruktur", so Canzler. Viele Menschen würden gern Rad fahren, fühlten sich aber zu Recht zu unsicher. Die Infrastruktur aufzubauen, brauche Zeit - das würden die vergangenen zwei bis drei Jahre zeigen. "Wir haben eben einen begrenzten Raum - der muss dann neu verteilt werden. Und da braucht es Mut und Hartnäckigkeit [...], um diese Konflikte auszustehen." Das gehe nur zu Lasten von Parkflächen und Straßenraum, betonte der Mobilitätsforscher.

Dem Verkehrssystem und dem öffentlichen Nahverkehr in Berlin stellte Canzler insgesamt ein gutes Zeugnis aus - das liege auch an einer starken Bewegung und Offenheit für Alternativen in der Stadt. Doch deren bisherige Erfolge reichten nicht aus. "Wir müssen jetzt ran an die wirklich schmerzhaften Punkte", so der Forscher. Das sei zum Beispiel auch die Parkraumbewirtschaftung. "Die Parkplätze, die da sind, müssen was kosten." Auch eine Citymaut sei sinnvoll - dafür gebe es gute Beispiele, etwa in Stockholm.

Mit Blick auf die kommenden Jahrzehnte sagte Canzler: Man beobachte, dass alle früh motorisierten Städte inzwischen Fahrräder stärker fördern sowie Straßen und Parkplätze zurückbauen. "Die Flächen werden dann für andere Verkehrsmittel genutzt, aber nicht nur - auch für Freizeitzwecke, vielleicht auch für Wohnungsbau. Wir werden insgesamt die Verkehrsflächen reduzieren, zu Lasten des individuellen privaten Autos, weil das schlichtweg zu viel Platz frisst." Stattdessen würden mehr Fahrräder, mehr Lastenräder, mehr Pedelecs und vielleicht auch mehr Sammeltaxis in den Städten unterwegs sein.

Über die Gegenwart und Zukunft der Mobilität berichtet Inforadio die ganze Woche ausführlich in der Reihe "Wir müssen reden" - alle Interviews, Reportagen und Hintergründe finden Sie auf inforadio.de

Quelle: https://www.presseportal.de/pm/51580/4346627


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Flo
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Re: Mobilitätsforscher: "Modell des eigenen Autos ist nicht mehr aktuell"

Beitrag von Flo » Mi 14. Aug 2019, 16:27

Flo hat geschrieben:
Mi 14. Aug 2019, 16:26
Der Individualverkehr mit eigenem Auto ist nach den Worten von Mobilitätsforscher Weert Canzler ein Auslaufmodell.
In Ballungsräumen und Großstädten...ja...aber ganz sicher nicht in ländlichen Gegenden.


Gruß
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Hoinzi
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Re: Mobilitätsforscher: "Modell des eigenen Autos ist nicht mehr aktuell"

Beitrag von Hoinzi » Mi 14. Aug 2019, 20:29

Flo hat geschrieben:
Mi 14. Aug 2019, 16:27
Flo hat geschrieben:
Mi 14. Aug 2019, 16:26
Der Individualverkehr mit eigenem Auto ist nach den Worten von Mobilitätsforscher Weert Canzler ein Auslaufmodell.
In Ballungsräumen und Großstädten...ja...aber ganz sicher nicht in ländlichen Gegenden.
Die ländlichen Gegenden finden in derlei Diskussionen schlicht nicht statt. Da werden urbane Szenarien immer ganz nonchalant auf das ganze Land übertragen. Nur dass hier eben nicht alle 10 Minuten ein Bus fährt...
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seahawk
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Re: Mobilitätsforscher: "Modell des eigenen Autos ist nicht mehr aktuell"

Beitrag von seahawk » Do 15. Aug 2019, 06:43

In der Stadt muss das Auto verschwinden. Ich hoffe der Polo GTI ist das letzte Auto, dass ich gekauft habe, danach nur noch E-Bike + Carsharing.

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Re: Mobilitätsforscher: "Modell des eigenen Autos ist nicht mehr aktuell"

Beitrag von A6 Avant V6 TDI » Do 15. Aug 2019, 08:20

Flo hat geschrieben:
Mi 14. Aug 2019, 16:27
Flo hat geschrieben:
Mi 14. Aug 2019, 16:26
Der Individualverkehr mit eigenem Auto ist nach den Worten von Mobilitätsforscher Weert Canzler ein Auslaufmodell.
In Ballungsräumen und Großstädten...ja...aber ganz sicher nicht in ländlichen Gegenden.


Gruß
So ist es. Und gerade in abgelegenen ländlichen Gegenden kommt man mit dem ÖPNV nicht ans Ziel, insb. gerade jetzt in den Ferien.
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Hoinzi
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Re: Mobilitätsforscher: "Modell des eigenen Autos ist nicht mehr aktuell"

Beitrag von Hoinzi » Do 15. Aug 2019, 08:35

A6 Avant V6 TDI hat geschrieben:
Do 15. Aug 2019, 08:20
Und gerade in abgelegenen ländlichen Gegenden kommt man mit dem ÖPNV nicht ans Ziel, insb. gerade jetzt in den Ferien.
Naja, kommt man schon. Es ist nur die Frage, wie lange man dafür braucht. Beispiel: Meine Frau braucht mit dem Auto gute 20 Minuten bis zur Arbeit. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln braucht sie dafür zwischen 54 Minuten im Idealfall und 86 Minuten im Worst-Case. Dabei sind die Fußwege zu den jeweiligen Haltestellen (nochmals insgesamt 15 Minuten) noch nicht eingerechnet.

Und: um 19 Uhr fährt der letzte Bus. Wer es bis dahin aus welchen Gründen auch immer nicht geschafft hat, muss halt laufen (10 km durch den Wald).

Das Problem in den Städten sehe ich auch, aber wenn man mal in z.B. Frankfurt unterwegs ist, sind 80 % der Fahrzeuge mit Frankfurter Kennzeichen versehen. Die sind also an ihren Verkehrsproblemen zum größten Teil selbst schuld. Wenn nur ein relativ kleiner Teil der Einwohner den ÖPNV nutzen würde, gäbe es diese massiven Probleme wohl gar nicht. Aber da ist die eigene Bequemlichkeit wohl zu groß.

Bevor jemand motzt: ich habe selbst fünf Jahre in Frankfurt gewohnt und habe in der Zeit alles mit Fahrrad und ÖPNV erledigt. War gar kein Problem. Wenn ich heute in Frankfurt wohnen würde, hätte ich wohl kein eigenes Auto, sondern würde alles mit Fahrrad, ÖPNV und Car-Sharing erledigen.

Bei uns auf dem Land allerdings völlig illusorisch.
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Re: Mobilitätsforscher: "Modell des eigenen Autos ist nicht mehr aktuell"

Beitrag von A6 Avant V6 TDI » Do 15. Aug 2019, 11:52

Hoinzi hat geschrieben:
Do 15. Aug 2019, 08:35
Und: um 19 Uhr fährt der letzte Bus. Wer es bis dahin aus welchen Gründen auch immer nicht geschafft hat, muss halt laufen (10 km durch den Wald).

Genau so wäre es bei mir auch. Folgendes muss man sich mal geben:


Auto ~ 45 Minuten einfach für ~54 km

ÖPNV: 12,30 €
Bus: 5:53 bis 6:12 Uhr
7 Minuten Fußweg
Abfahrt Bahn: 6:42Uhr (nach 30 Minuten Wartezeit)
Ankunft Bahn: 7:42 Uhr
7 Minuten Fußweg
Bus: 08:10 bis 8:31 Uhr
2 minuten Fußweg

Fazit: 05:53 - 08:31 Uhr = Dauer von 2 Std. 38 Min.


Bei 16 Uhr Arbeitsende sieht´s noch besser aus:
Bus: 16:27 bis 16:49 Uhr
7 Minuten Fußweg
Zug: 17:11 bis 18:02 Uhr
7 Minuten Fußweg
Bus: 18:33 bis 18:56 Uhr

Fazit: 16:27 - 18:56 Uhr = Dauer von 2 Std. 29 Min.

Heimfahrt (z. B. heute), Dienstende 18 Uhr: 21,00 €
Bus: 20:27 bis 20:49 Uhr
Zug: 21:17 bis 22:27 Uhr (von Ulm nach Aalen - quasi 23 km darüber hinaus)
Bus: 22:40 bis 23:21 Uhr
6 km Fußweg oder
Bus: 5:45 bis 5:53 Uhr (quasi derselbe, mit dem ich morgens wegfahre)

Und wenn man dann nicht perfekt laufen kann wie ich... :irre:

Da ist das Auto das einzig Machbare.
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